Publikationen (FIS)

Potenziale und Grenzen der Torfmooskultivierung als Beitrag zum Erhalt der faunistischen Biodiversität von Hochmooren

Verfasst von

Lotta Zoch

Abstract

Auf Hochmoore spezialisierte Tierarten sind aufgrund der großflächigen, entwässerungsbasierten Nutzung und Umwandlung ihrer Lebensräume heute häufig stark gefährdet und in ihren Beständen isoliert. Für die Renaturierung degradierter Flächen steht nur ein kleiner Teil der Flächen zur Verfügung, da sich über 75 % der Moorflächen in Deutschland in land- und forstwirtschaftlicher Nutzung befinden. Um auch auf diesen Flächen die hohen Treibhausgasemissionen aus der entwässerungsbasierten Nutzung zu reduzieren, wird aktuell eine nasse Nutzung als Paludikultur erprobt. Auf nährstoffarmen Hochmoorböden eignet sich die Kultivierung von Torfmoosen (Sphagnum spec.), wobei die Torfmooskultivierungsflächen (TKF) auch potenzielle Lebensräume für die Hochmoorfauna darstellen. Ziel dieser Dissertation war es, anhand von freilandökologischen Untersuchungen die Potenziale von TKF als Lebensraum für die Hochmoorfauna zu evaluieren. Um die Eignung als Lebensraum für die verschiedenen Artengruppen zu bewerten, wurde erfasst, welche Arten die TKF besiedeln und welche Rolle die Flächen als Nahrungs- oder Reproduktionshabitat im Vergleich zu renaturierten und naturnahen Hochmoorflächen spielen. Darüber hinaus wurde der Einfluss von anlage- und bewirtschaftungsbedingten Faktoren (Lage, Bewässerungssystem, Spendermaterial, Gefäßpflanzenmanagement, Torfmoosernte) sowie habitatstrukturellen Eigenschaften (Vegetationsstruktur) auf das Vorkommen der Hochmoorfauna evaluiert. Aus den Ergebnissen wurden Empfehlungen zur Förderung der Hochmoorfauna bei der Flächenanlage und Bewirtschaftung von TKF abgeleitet. Im Fokus der Untersuchungen standen zwei TKF, die auf wiedervernässten Torfabbauflächen im Emsland (Niedersachsen) angelegt wurden. Als Referenzflächen für die TKF wurden zwei der naturnahe Spenderflächen und zwei wiedervernässte Renaturierungsflächen nach Torfabbau ohne Einbringung von Torfmoosbiomasse erfasst. Während für Vögel, Amphibien, Libellen und Tagfalter flächendeckende Erfassungen durchgeführt wurden, fand eine Erfassung der epigäischen Arthropodenfauna mit zufallsverteilten Handaufsammlungen in Proberahmen statt. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass TKF große Potenziale zur Schaffung von Ersatzlebensräumen für einige Arten der Hochmoorfauna bieten. Bereits ein bis drei Jahre nach der Flächenanalage wurden aus fast allen Artengruppen (Ausnahme Tagfalter) typische Hochmoorarten auf den TKF nachgewiesen. Dabei handelte es sich sowohl um Hochmoorgeneralisten als auch -spezialisten, die jeweils eine Präferenz für die offenen, gehölzfreien Strukturen mit nassen Torfmoosrasen oder moortypischen Grasbeständen sowie kleinstrukturierten Moorgewässern der TKF zeigten. Es kann davon ausgegangen werden, dass TKF bei einer großräumigen Betrachtung die Landschaft um weitere Lebensräume für die Hochmoorfauna ergänzen und insbesondere Offenlandarten und ausgewählte hochmoortypische Arten in ihren Beständen fördern. Im Spendermaterial für die Flächenanlage wurden elf Ordnungen von epigäischen Arthropoden nachgewiesen. Auf den TKF konnten sich in der Etablierungsphase jedoch nur die Ordnungen Araneae, Coleoptera und Hemiptera mit nennenswerten Individuenzahlen etablieren. Der Vergleich der im Spendermaterial nachgewiesenen Käferarten mit denen der TKF und der Spenderflächen legt nahe, dass einige Arten erfolgreich übertragen wurden. Für die erfolgreiche Ansiedlung ist eine schnelle Etablierung von geeigneten Lebensraumbedingungen insbesondere im Hinblick auf die Vegetationsstruktur essentiell. Es konnte gezeigt werden, dass die Vegetationsstruktur einen signifikanten Einfluss sowohl auf die Abundanz von epigäischen Arthropoden als auch auf die Artenzahl von Käfern hat. Bei den Analysen hat sich die Höhe des Torfmoosrasens als wichtigster Einflussfaktor herausgestellt, der sich positiv auf die Abundanz und Artenzahlen auswirkt. Auf den naturnahen Spenderflächen wurde ein negativer Einfluss der Torfmoosernte auf Ameisen (Formicidae) durch die Zerstörung von Nestern gezeigt. Für andere epigäische Arthropoden bedeutet die Ernte ein Verlust an Individuen durch den Abtransport des Erntematerials von der Fläche. Bei einer zeitlich und räumlich gestaffelten Torfmoosernte, bei der stets ein Teil der Torfmoosflächen als Refugien erhalten bleibt, ist von einer schnellen Wiederbesiedlung der Ernteflächen auszugehen. Dennoch führt die Torfmoosernte zu einer Veränderung der Vegetations- und damit Habitatstruktur. In Anbetracht der potenziell vermehrten Etablierung von TKF und den damit einhergehenden Chancen und Risiken für die Hochmoorfauna gilt es bei allen Förderprogrammen von Beginn an naturschutzfachliche Standards für die Anlage bzw. das Betreiben von TKF als Grundvoraussetzung für eine Förderung zu etablieren. Anhaltspunkte für notwendige Standards und mögliche weitere Aufwertungsmöglichkeiten liefern die in dieser Arbeit herausgearbeiteten Empfehlungen zur Verbesserung der Lebensraumfunktion und -qualität von TKF für die Hochmoorfauna.

Details

betreut von
Michael Reich, Thomas Fartmann
Organisationseinheit(en)
Naturschutz mit Schwerpunkt Fauna
Institut für Umweltplanung
Naturschutz und Landschaftsökologie
Typ
Dissertation
Anzahl der Seiten
86
Publikationsdatum
28.11.2025
Publikationsstatus
Veröffentlicht
Ziele für nachhaltige Entwicklung
SDG 13 – Klimaschutzmaßnahmen, SDG 15 – Lebensraum Land
Elektronische Version(en)
https://doi.org/10.15488/20068 (Zugang: Offen )